Flammen schlagen aus einem Dachstuhl und werden von einer Drehleiter aus bekämpft

Treppenhaus in Flammen
Vier Menschen sterben bei Wohnungsbrand

Die Nacht vom 3. auf den 4. September 2017 ist vielen Kolleginnen und Kollegen der Feuerwehr Duisburg noch gut in Erinnerung. Kurz vor Mitternacht wurden wir zu einem Wohnungsbrand im Stadtteil Untermeiderich alarmiert. Dieser Wohnungsbrand forderte vier Menschenleben. 140 Feuerwehrangehörige waren im Einsatz. Mehrere Verletzte wurden noch lange auf Intensivstationen und in Verbrennungszentren behandelt. Ein Teil von ihnen ist für den Rest seines Lebens auf Hilfe und Pflege angewiesen. Die Eindrücke dieser Nacht begleiten viele von uns noch heute.

Massiver Brand eines Dachstuhls

Mit mehreren Strahlrohren, sowie Wenderohren von mehreren Drehleitern wurde der Brand bekämpft © Karsten Ophardt

Der erste Notruf erreichte die Leitstelle der Berufsfeuerwehr Duisburg um 23.39 Uhr. Gemeldet wurde ein Wohnungsbrand. Vermutlich befänden sich noch Menschen in dem Gebäude. Die Einsatzstelle: Ein Mehrfamilienhaus auf der Vohwinkelstraße in Duisburg-Untermeiderich. Das dreigeschossige Eckhaus an der Einmündung zur Herwarthstraße hatte ein zu Wohnräumen ausgebautes Dachgeschoss.

Unter dem Einsatzstichwort »B2-Gebäude-M« machten sich die zuständigen Feuerwachen 3 (Hamborn) und 5 (Homberg) der Berufsfeuerwehr sofort auf den Weg. Auch der zuständige Einsatzabschnittsleiter Nord (BvE-N), sowie der Beamte vom Direktionsdienst (BvD) wurden an die Einsatzstelle entsandt. Zahlreiche weitere Notrufe bestätigten den Brand noch während sich die Einsatzkräfte auf der Anfahrt befanden. Dabei wiesen mehrere Anrufer auf Personen im ersten Obergeschoss hin. Diese riefen an den Fenstern um Hilfe und konnten das Gebäude nicht mehr selbstständig verlassen. Der BvD ließ sofort das Einsatzstichwort auf »B3-Gebäude-M« und zusätzlich auf »S-MANV-1« erhöhen

Erste Maßnahmen der Feuerwehr

Um 23.46 Uhr traf der BvE-N als Erster an der Einsatzstelle ein. Das erste Obergeschoss stand bereits in Vollbrand. Im ersten und dem Dachgeschoss befanden sich mehrere Menschen an Fenstern. Im ersten Obergeschoss waren in allen Fenstern Flammen sichtbar. Aus dem Dachgeschoss stieg dichter schwarzer Rauch. Kurz nach dem BvE-N traf die Löscheinheit 3 ein. Aufgrund der Meldungen ließ der Einheitsführer der Wache 3 seine Mannschaft geschlossen zur Menschenrettung vorgehen. Die in Duisburg seit längerem praktizierte Abweichung der »klassischen« Marschfolge brachte bei diesem Einsatz einen großen taktischen Vorteil: Da die Drehleiter an der Spitze des Zuges fuhr, konnte sie sofort bis vor das Gebäude ziehen und dort in Stellung gehen. Neben der Rettung über die Drehleiter brachten die Einsatzkräfte auch das Sprungpolster zur Menschenrettung in Stellung.

Zerstörtes Sprunpolster nach dem Einsatz

Das Sprungpolster vor dem Gebäude © Karsten Ophardt

An der westlichen Gebäudeseite retteten die Kollegen eine kleine Personengruppe von einem schmalen Vordach. Um den Flammen und dem Rauch zu entkommen, hatten sich die sechs Personen auf das Vordach des Treppenraums gerettet.

Durch eine Auskunft des Einwohnermeldesystems (die Leitstelle der Feuerwehr hat darauf Zugriff) gingen die Einsatzkräfte von mindestens den 19 dort gemeldeten Personen aus, die sich im Gebäude befinden könnten. Entsprechend groß wurde auch der Kräfteansatz des Rettungsdienstes gewählt. Zusätzlich zu einer großen Anzahl von Rettungswagen und Notärzten kamen auch zwei Gerätewagen Sanitätsdienst des DRK und der JUH zum Einsatz.

Während die Menschenrettung durchgeführt wurde, zündete das gesamte erste Obergeschoss durch. Flammen schlugen mehrere Meter aus den Fenstern und setzten teilweise die Kleidung der noch an den Fenstern befindlichen Personen in Brand. In Panik sprangen mehrere Menschen, darunter eine Frau mit einem Säugling im Arm, aus den Fenstern. Sie achteten dabei weder auf das Sprungpolster, noch auf die Anweisungen der Rettungskräfte. Durch diese Panikreaktion verfehlten zwei Personen das Sprungpolster und zogen sich mehrfache Frakturen der unteren Extremitäten sowie des Rumpfskeletts zu. Ein Hausbewohner rannte in Panik mit brennender Kleidung über die Straße. Er wurde von Einsatzkräften zu Boden gebracht und abgelöscht. Seine großflächigen 2°- und 3°-Brandwunden wurden später in einem Verbrennungszentrum versorgt.

Einem Hinweis der Leitstelle folgend entdeckte der BvE-N auf dem Dach des Gebäudes eine weitere Person. Aus einem Dachflächenfenster hatte sich die junge Frau auf das Dach. Nun stand sie an der Gebäudekante. Während die Einsatzkräfte ein weiteres Sprungpolster in Stellung brachten telefonierte die junge Frau mit einem Disponenten der Leitstelle der Feuerwehr. Durch seine ruhige und feinfühlige Gesprächsführung gelang es dem Disponenten, die um ihr Leben fürchtende Frau von einem vorzeitigen Sprung in die Tiefe abzuhalten. Nachdem das Polster in Stellung gebracht war, sprach er ihr den Mut und das Vertrauen zu, den rettenden Sprung zu wagen. Letztlich wurde die junge Frau leicht verletzt gerettet. Wenige Augenblicke später brannte das Dach an der Stelle, an der die Frau gestanden hatte, durch.

In der Zwischenzeit trafen weitere Kräfte des Rettungsdienstes ein und richteten eine Patientablage ein. Der Leitende Notarzt übernahm die Sichtung und Kategorisierung der Verletzten. Mehrere Menschen hatten großflächige Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten. Knapp 34 Minuten nach Einsatzbeginn konnte die Rückmeldung »Menschenrettung abgeschlossen!« gegeben werden.

Zu diesem Zeitpunkt galten jedoch noch mehrere Personen als vermisst, sodass sich diese Rückmeldung ausschließlich auf die Personen bezog, die sich bei Eintreffen der Feuerwehr an den Fenstern und vor dem Gebäude befanden. Eine Personensuche im Inneren des Hauses war aufgrund der massiven Brandentwicklung nicht möglich.

Innenangriff war ausgeschlossen

Ein Innenangriff musste schon zu Anfang des Einsatzes abgebrochen werden. Über den in Vollbrand stehenden Treppenraum und die aus Holz gefertigte Treppe war ein Vorgehen der Angriffstrupps unmöglich.

Blick in das vollkommen in Flammen stehende Treppenhaus

Der Holz-Treppenraum ca. acht Minuten nach dem ersten Alarm © Karsten Ophardt

Binnen weniger Minuten breitete sich der Brand von der ersten Etage bis ins Dachgeschoss aus. Trümmerteile des Dachstuhls stürzten durch den Treppenraum bis in den Kellerabgang und setzten diesen ebenfalls in Brand. Die in Plietser-Bauweise erstellten Zwischendecken des Gebäudes waren durch das Feuer nicht mehr begehbar, so dass auch ein Innenangriff über tragbare Leitern nicht möglich war. Der einsatzleitende BvD entschied daher, keine Einsatzkräfte in das Gebäude zu schicken. Die Brandbekämpfung wurde ausschließlich über mehrere Strahlrohre und die Wenderohre der drei im Einsatz befindlichen Drehleitern durchgeführt.

Rettungshubschrauber zum Transport 

Mehrere Patienten waren so schwer verletzt, dass sie in Verbrennungszentren transportiert werden mussten. Parallel zu den Maßnahmen an der Einsatzstelle stimmte die Leitstelle die Verteilung der Verletzten auf die Spezialkliniken ab. Sehr hilfreich war an dieser Stelle der bundesweite Bettennachweis für Verbrennungsbetten, der von der Feuerwehr Hamburg tagesaktuell geführt wird.

Der leitende Notarzt lässt sich von der Leitstelle eine aktuelle Übersicht der verfügbaren Krankenhausbetten geben

Der Leitende Notarzt (LNA) koordiniert die Verteilung der Klinikbetten © Karsten Ophardt

Um die Transportzeiten der vital bedrohten Patienten so gering wie möglich zu halten, forderte der Leitende Notarzt (LNA) für zwei Patienten einen Transport per Hubschrauber an. Da der in Duisburg stationierte Rettungshubschrauber Christoph 9 nachts nicht fliegt, mussten beide Hubschrauber extern angefordert werden. Zum Einsatz kamen der SAR41 der Bundeswehr aus Nörvenich und der Intensivtransporthubschrauber der Johanniter-Unfall-Hilfe aus Bochum.

Da eine direkte Landung an der Einsatzstelle nicht möglich war, entschied die Einsatzleitung die Hubschrauber an zwei nahegelegenen Stellen landen zu lassen. Zur Sicherung und Ausleuchtung der Landeplätze rückten die Löschzüge 310 (Hamborn/Marxloh) und 510 (Homberg) der Freiwilligen Feuerwehr aus. Die Patienten, eine 27-jährige Frau und ihr achtjähriger Sohn, wurden unter notärztlicher Begleitung mit Rettungswagen zu den Landeplätzen transportiert.Von dort wurde die Frau ins Klinikum Bergmannsheil nach Bochum und der Junge ins Klinikum Merheim nach Köln geflogen. Alle weiteren Verletzten konnten auf die Duisburger Kliniken verteilt werden.

Gebäude nach dem Brand akut einsturzgefährdet

Bis zum Einsatzende war die Anzahl der vermissten Personen unklar. Von den insgesamt 19 in dem Gebäude amtlich gemeldeten Personen wurden nicht alle angetroffen. Neben den eigentlichen Bewohnern des Hauses befanden sich auch mehrere Besucher unter den Verletzten. In der Nacht war es nicht möglich, den Aufenthaltsort der Vermissten zu verifizieren. Daher konnte bei Einsatzende nicht ausgeschlossen werden, dass im Rahmen der Nachlöscharbeiten weitere Opfer gefunden werden.

Bei Tageslicht wurde das Gebäude durch einen Statiker begutachtet. Dieser stellte die akute Einsturzgefahr fest. Daher erkundete die Feuerwehr gemeinsam mit der Polizei das Gebäude zunächst von außen über eine Drehleiter. Hierbei wurden im ersten Obergeschoss zwei männliche Leichen entdeckt. Bei diesen beiden Personen handelte es sich um einen 29-jährigen Vater und seinen sechsjährigen Sohn. Beide wohnten in dem Haus und galten bereits in der Brandnacht als vermisst.

Blick aus der Luft auf das vollkommen ausgebrannte Gebäude am Tag danach

Das Gebäude am Tag nach dem Brand © Karsten Ophardt

Zur weiteren Erkundung und Personensuche setzte die Feuerwehr neben der Drehleiter eine Kameradrohne ein. Im Dachstuhl wurden mehrere Glutnester lokalisiert, die über ein Wenderohr der Drehleiter abgelöscht wurden. Weitere Personen wurden nicht gefunden.

Zwei der in Duisburger Kliniken verbrachten Patientinnen (29 und 14 Jahre alt) verstarben wenige Tage später. Die Aufenthaltsorte der weiteren vermissten Personen konnten durch die Polizei geklärt werden.

Aufarbeitung des Einsatzes

Natürlich gehören Wohnungsbrände in einer Stadt wie Duisburg zum Tagesgeschäft der Feuerwehr. Dieser Einsatz, in seiner Dramatik und dem Ausmaß der Verletzten, stellt jedoch eine traurige Ausnahme dar. Menschen, die wie Fackeln brennend auf Einsatzkräfte zulaufen oder mit in Flammen stehender Kleidung aus Fenstern springen, sehen auch erfahrene Feuerwehrkräfte selten. Entsprechend wichtig ist in einem solchen Fall die Aufarbeitung des Erlebten.

Bereits in der Nacht waren Kräfte des feuerwehreigenen PSU-Teams (PSU = Psycho-Soziale-Unterstützung) vor Ort und standen den Einsatzkräften für erste Gespräche zur Verfügung. Diese Angebote wurden von den Kräften der Berufs- und der Freiwilligen Feuerwehr gerne angenommen.

Erschöpfter Feuerwehrmann sitzt am Straßenrand

Ein erschöpfter Kollege © Karsten Ophardt

Hier ein paar bewegte Bilder zu diesem Einsatz

(Anmerkung: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lebten die beiden verstorbenen Frauen noch.)

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